Grüne Energie aus dem Vinschgau

 

Die beiden Wasserkraftwerke Glurns und Kastelbell im Vinschgau nutzen das Wasser der Etsch und einiger Zuflüsse zur sauberen Stromproduktion.

 

 

Ein ausgeklügeltes System

Das Wasserkraftwerk Glurns ist das kleinere der beiden Großwasserkraftwerke und bildet die erste Stufe der sogenannten Reschenseen-Konzession. Herzstück der Anlage ist der Reschensee. In ihm wird das Wasser der Etsch und seiner Zubringer gestaut. Der große Staudamm des Reschensees befindet sich oberhalb der Ortschaft St. Valentin in der Gemeinde Graun. Der Damm besteht aus einem 31,50 Meter hohen und 467 Meter langen Erddamm, welcher ein maximales Speichervolumen von 116 Millionen Kubikmeter aufweist. Mittels der Pumpstation am darunter liegenden Haidersee gelangt zudem Wasser aus demselben in die Druckleitung der Wasserkraftanlage. Über einen 12 Kilometer langen Druckstollen fließen die Wassermassen in den Maschinenraum des Kavernenkrafthauses in Glurns.

Das dort abgearbeitete Wasser wird über einen teils unterirdischen und teils offenen Kanal in ein Ausgleichsbecken und zurück in den Punibach und die Etsch geleitet. Durch dieses Ausgleichsbecken kann die Wasserzufuhr für das Wasserkraftwerk Kastelbell reguliert werden.

 

 

Das Wassereinzugsgebiet des Kraftwerks Kastelbell entspricht dem gesamten oberen Vinschgau und umfasst rund 1.100 Quadratkilometer, davon sind rund 82 Kilometer Gletscherfläche. Die Wasserfassung für das Kraftwerkwerk befindet sich in Laas und besteht aus einer 34 Meter breiten Traverse. Von dort wird das Wasser über ein etwa 17 Kilometer langes Stollensystem in den Maschinenraum der Anlage in Kastelbell geleitet. Zusätzlich zum Wasser aus der Etsch gelangt auch das abgearbeitete Wasser aus dem Kraftwerk Laas in die Hauptzubringerleitung. Weiters werden entlang dieser Zubringerleitung die Seitenbäche der Etsch – der Laaserbach, der Plimabach, der Mareinbach und der Schlumserbach – in das System eingeleitet. Das für die Stromproduktion genutzte Wasser wird anschließend in die Etsch zurückgeleitet.

 

Während das Wasserkraftwerk Glurns als Speicherkraftwerk insbesondere zu Spitzenlastzeiten, das heißt wenn der Strombedarf kurzfristig ansteigt, eingesetzt wird, ist das Kraftwerk Kastelbell als Laufwasserkraftwerk rund um die Uhr in Betrieb.

Technische Daten Kraftwerk Glurns

Inbetriebnahme 1949
Einzugsgebiet 348 km2
Maximale ableitbare Wassermenge 22 m3/s
Fallhöhe 586,2 Meter
Durschnittliche Jahresproduktion 237 Millionen KWh
Maximale Leistung 105 Megawatt

Technische Daten Kraftwerk Kastelbell

Inbetriebnahme 1949
Einzugsgebiet 1.090 km2
Fallhöhe 294 Meter
Maximale ableitbare Wassermenge 35 m3/s
Durchschnittliche Jahresproduktion 396 Millionen KWh
Maximale Leistung 87 Megawatt

Zwei Großbaustellen

Die Pläne zur Nutzung der Reschenseen (Reschen-, Mitter- und Haidersee) für die Energieproduktion reichen bis ins Jahr 1910 zurück. Doch erst Anfang der 1920er-Jahre wurde mit konkreten Planungen begonnen. Die Energiegesellschaft "Società Elettrica Alto Adige" begann 1939 mit den Vorarbeiten zum Bau der beiden Kraftwerke in Glurns und Kastelbell, die allerdings aufgrund des 2. Weltkriegs unterbrochen werden mussten. 1946 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen und bereits 1949 konnten beide Anlagen in Betrieb genommen werden. Dass Wasserkraftwerk Glurns bildet die obere und das Kraftwerk Kastelbell die zweite Stufe der sogenannten Reschensee-Konzession.

Die beiden Großwasserkraftwerke im Vinschgau wurden mit bis zu 7.000 Arbeitern in insgesamt fünf Millionen Arbeitsstunden errichtet. Dabei wurden 35 Kilometer lange Stollen gegraben, 150.000 Tonnen Zement und 10.000 Tonnen Eisen verbaut sowie 800 Tonnen Sprengstoff eingesetzt. Der 31 Meter hohe und 467 Meter lange Staudamm des Reschensees war der erste große Staudamm in Italien und einer der größten in ganz Europa. Durch den Bau des Damms wurden die beiden ursprünglichen Seen, der Reschen- und der Mittersee, zu einem Gewässer vereint. Die dabei überfluteten Ortsteile von Graun und Reschen, wurden oberhalb des Sees neu aufgebaut.