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Intervista Armaroli
12.03.2026
- 4 min

Ist die Energiewende aus der Mode gekommen? Ein Gespräch mit Nicola Armaroli auf der Energiemesse Key Energy 2026

Intervista Armaroli

Kann es wirklich sein, dass die Energiewende „aus der Mode“ ist? Von dieser provokanten Frage ausgehend entwickelte sich der Dialog zwischen Nicola Armaroli, Forschungsdirektor beim Consiglio Nazionale delle Ricerche, der größten öffentlichen Forschungseinrichtung Italiens, und Anna Carassai, Verantwortliche Sustainability Controlling & Energy Efficiency Advisory bei Alperia, während der Key Energy 2026. Das Gespräch war ein direkter Austausch – fundiert auf Daten und Fakten.

Nach Ansicht von Armaroli entsteht der Eindruck einer stockenden Energiewende nicht, weil ihre Gründe weniger überzeugend geworden wären, sondern weil sich der Kontext verändert hat. Nach einer Anfangsphase mit sehr hohen Erwartungen zeigt die Realität – technisch, wirtschaftlich und geopolitisch –, wie komplex der Weg tatsächlich ist. Eine Phase, die der Wissenschaftler als „adoleszent“ beschreibt: schwierig und manchmal mühsam, aber entscheidend, um ein stabileres und reiferes Energiesystem aufzubauen.

Die Klimakrise folgt keinen politischen Zyklen

Unabhängig von politischen Debatten bleibt der eigentliche Motor der Energiewende unverändert: die Klimakrise. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass die globale Erwärmung längst keine theoretische Hypothese mehr ist, sondern bereits konkrete Auswirkungen hat. In diesem Kontext ist die Energiewende keine ideologische Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit.

„Wir treiben sie nicht voran, weil sie uns gefällt“, betonte Armaroli, „sondern weil wir keine Alternative haben.“

Das globale Energiesystem basiert zudem weiterhin auf einer fragilen Struktur, die stark von den Regionen abhängt, in denen fossile Energieträger verfügbar sind – und damit wirtschaftlichen und strategischen Risiken ausgesetzt ist. Auch deshalb kann die Energiewende kaum als vorübergehender Trend verstanden werden.

Die Zahlen zeigen: Wir sind auf dem richtigen Weg

In Italien wird bereits ein bedeutender Teil der Stromnachfrage durch erneuerbare Energien gedeckt, und die Photovoltaik hat neue Produktionsrekorde erreicht. Ein Trend, der sich auch auf europäischer Ebene bestätigt: Hier haben Wind- und Solarenergie inzwischen die Stromproduktion aus fossilen Quellen übertroffen. Diese Entwicklungen sind keine Einzelfälle, sondern das Ergebnis gezielter Investitionen, wirtschaftlicher Attraktivität und kurzer Installationszeiten.

Warum Photovoltaik eine Schlüsselrolle spielt

In diesem Szenario hat sich die Photovoltaik zu einem der zentralen Pfeiler der Energiewende entwickelt – dank struktureller Eigenschaften, die nur schwer zu übertreffen sind.

„Photovoltaik ist eine Technologie mit minimalem Wartungsaufwand und einer einzigartigen Modularität“,

erklärte Armaroli. Sie kann praktisch überall installiert werden – von urbanen Räumen bis hin zu abgelegenen Gebieten. In Kombination mit Speichersystemen hat sich ihre Bedeutung weiter verstärkt und macht sie zu einer Schlüsseltechnologie für die Energiesicherheit.

Elektrifizierung und Effizienz: der eigentliche Paradigmenwechsel

Neben dem Ausbau erneuerbarer Energien betonte Armaroli die Bedeutung der Elektrifizierung des Endenergieverbrauchs als echten Paradigmenwechsel.

„Elektrifizierung bedeutet, auf industrielle Produktion, Kompetenzen und Know-how zu setzen – genau hier kann Europa seine Stärken ausspielen.“

Die Energiewende ist daher auch ein industriepolitisches Thema, insbesondere für Europa: Entweder weiterhin von fossilen Energieimporten abhängig bleiben oder in ein elektrisches System investieren, das auf erneuerbaren Energien basiert und europäische Technologiekompetenz stärkt.

Wenn Elektrifizierung mit leistungsfähigen Stromnetzen und Speichersystemen kombiniert wird, lassen sich Energieverluste reduzieren und die Gesamteffizienz des Systems deutlich steigern.

Elektromobilität: zwischen Verzögerungen und Wahrnehmung

Zum Abschluss verlagerte sich das Gespräch auf die Elektromobilität – ein Bereich, der häufig polarisiert. In Italien liegt der Anteil an Elektroautos weiterhin unter dem europäischer Vergleichsländer, obwohl das Ladenetz bereits gut ausgebaut ist. Armaroli sieht einen Teil der Skepsis in einer unzureichenden Kommunikation begründet:

„Zu selten wird über die konkreten Vorteile gesprochen – von besserer Luftqualität bis hin zur Gesundheit der Menschen.“

Eine offene Frage

Die zentrale Botschaft ist klar: Die Energiewende ist keineswegs aus der Mode gekommen. Vielmehr befindet sie sich in einer Phase, die mehr Realismus, Kompetenzen, Investitionen und eine überzeugende Erzählung erfordert – eine, die Daten, Technologie und Auswirkungen auf den Alltag miteinander verbindet.

„Die eigentliche Frage“, so Armaroli abschließend, „ist, ob es uns gelingt, diesen Wandel rechtzeitig abzuschließen – bevor die Folgen der Klimakrise noch tiefgreifender und schwerer zu bewältigen werden.“

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