Alle fünf bis sieben Jahre öffnet sich ein Raum, den sonst niemand zu Gesicht bekommt. Ein Raum so hoch wie ein 13-stöckiges Gebäude und groß genug, um rund 19.000 Kubikmeter Wasser aufzunehmen. Willkommen im Wasserschloss des Kraftwerks Brixen.
Wer auf die Hügel oberhalb von Brixen blickt, ahnt nicht, was sich tief im Berg verbirgt. Denn vom Kraftwerk Brixen, einem der größten Wasserkraftwerke Südtirols, sind von außen nur die beiden Stauanlagen, der Auslaufkanal und die Zugänge zur Anlage zu sehen. Der eigentliche Gigant liegt verborgen im Berg: kilometerlange Stollen, Druckleitungen, Kavernen und riesige Wasserbauwerke, die im Normalbetrieb vollständig mit Wasser gefüllt sind.
Genau deshalb bleiben diese Bauwerke den meisten Menschen verborgen. Und genau deshalb ist ihre regelmäßige Inspektion etwas Besonderes.
Dieses Jahr bot sich erneut die seltene Gelegenheit, die normalerweise vollständig mit Wasser gefüllten Bauwerke des Kraftwerks von innen zu begutachten. Dafür musste die Anlage außer Betrieb genommen und vollständig entleert werden. Allein dieser Vorgang nahm rund zehn Stunden in Anspruch, bevor die Fachkräfte mit den Inspektionen und den geplanten Instandhaltungsarbeiten beginnen konnten.
Es handelt sich dabei im präzise Teamarbeit über mehrere Bereiche von Alperia Greenpower hinweg: Die operative Zone Pustertal kümmerte sich um die Entleerung und die Sicherungsmaßnahmen, Asset Risk Management übernahm die Inspektionen und Bestandsaufnahme der Anlagen, während der Bereich Zivilbau die Instandhaltungsarbeiten mit den beteiligten Fachfirmen koordinierte.
Eine unterirdische Kathedrale
Der eindrucksvollste Ort liegt hoch über dem eigentlichen Kraftwerk verborgen im Berg: das Wasserschloss.
Schon der Name klingt geheimnisvoll. Seine Aufgabe ist jedoch höchst praktisch. Das Wasserschloss funktioniert wie die Lunge der Anlage. Es gleicht Druckschwankungen aus und schützt das gesamte hydraulische System vor den enormen Kräften, die beim Betrieb eines Kraftwerks entstehen.
Beeindruckend sind auch seine Dimensionen: Das Bauwerk ist rund 40 Meter hoch und verzweigt sich in mehrere große Kammern. Insgesamt finden hier etwa 19.000 Kubikmeter Wasser Platz, ein Volumen, das ungefähr 25 Einfamilienhäusern entspricht.
Betritt man den entleerten Raum, fühlt man sich eher in eine unterirdische Kathedrale versetzt als in ein technisches Bauwerk. Erst die Menschen, die am Boden stehen, machen sichtbar, wie gigantisch die Ausmaße tatsächlich sind.

Sechs Kilometer durch den Berg
Dass sich heute ein derart komplexes System unter Brixen befindet, ist das Ergebnis einer gewaltigen Ingenieurleistung. Zwar gab es bereits Anfang der 1920er-Jahre erste Pläne zur gemeinsamen Nutzung von Eisack und Rienz, doch erst 1936 wurde die Baugenehmigung erteilt. Die Dimensionen der Baustelle waren beeindruckend: Auf den verschiedenen Baustellen arbeiteten zeitweise bis zu 6.000 Menschen. Für den Bau wurden 32,5 Tonnen Sprengstoff, 52.500 Tonnen Zement und mehr als 2.500 Tonnen Stahl benötigt. Zahlen, die auch heute noch erahnen lassen, welche Herausforderung der Bau eines der größten Wasserkraftwerke südlich der Alpen darstellte.
Das Kraftwerk wurde 1942 in Betrieb genommen und wird von den Stauseen Franzensfeste und Mühlbach gespeist – während die beeindruckenden Wasserbauwerke seit Jahrzehnten ihren Dienst verrichten, wurde die technische „Herzkammer“ der Anlage erst vor wenigen Jahren modernisiert: 2021 wurden die elektromechanischen Anlagen und Maschinensätze erneuert.
Das Wasser stammt aus einem Einzugsgebiet von rund 2.700 Quadratkilometern. Die Wasserableitungen der beiden Seen vereinigen sich bei Aicha in der Gemeinde Natz-Schabs zu einem Druckstollen mit einem Durchmesser von 5,2 Metern.
Von dort legt das Wasser rund sechs Kilometer im Berg zurück, bevor es das Wasserschloss erreicht. Anschließend strömt es durch die Druckrohrleitung zu den fünf vertikalen Francisturbinen des Kavernenkraftwerks Brixen. Zwischen Wasserschloss und Turbinen überwindet das Wasser dabei eine Fallhöhe von 164 Metern. Nach der Stromproduktion wird das Wasser wieder an die Rienz zurückgegeben.
Wie leistungsfähig die Anlage ist, zeigt ein einfacher Vergleich: Bei maximalem Durchfluss könnte das Kraftwerk Brixen ein olympisches Schwimmbecken in etwa 40 Sekunden füllen. Die fünf Turbinen erzeugen dabei jährlich rund 520 Millionen Kilowattstunden sauberen Strom und versorgen damit etwa 173.000 Haushalte mit erneuerbarer Energie.
Unsichtbar, aber unverzichtbar
Während viele technische Anlagen täglich sichtbar sind, verrichtet das Kraftwerk Brixen einen Großteil seiner Arbeit im Verborgenen. Umso wichtiger sind die regelmäßigen Inspektionen der unterirdischen Bauwerke. Sie sorgen dafür, dass die Anlage auch in Zukunft zuverlässig erneuerbare Energie für Südtirol liefern kann. Und sie ermöglichen einen seltenen Blick hinter die Kulissen einer Welt, die sonst unter Millionen Litern Wasser verborgen bleibt.















